Leichtathletik-WM 2013 in Moskau:

Deutschen Sprintern fehlt die „Wettkampfkompetenz“

Gucken, wie es die anderen machen: Usain Bolt ist technisch nicht das Maß aller Dinge. Yohan Blake läuft effizienter. Talentsuche extrem wichtig

MOSKAU. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau habe die deutschen Sprinter – mal wieder – nicht überzeugen können. Eine Woche vor den Titelkämpfen in der russischen Metropole glänzten Martin Keller (Leipzig) und Julian Reus (Wattenscheid) mit 100 Meter-Zeiten von 10,07 und 10,08 Sekunden. Bei der WM war schon im Vorlauf Schluss – 0,2 Sekunden langsamer als ein paar Tage zuvor. Das hat den schwarz-rot-goldenen Kurzstrecklern einiges an Kritik und Häme eingebracht. „Die Jungs haben ihr Potential nicht abgerufen. Uns fehlt die Wettkampfkompetenz“, sagt Ronald Stein, beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) Bundestrainer für den Männer-Sprint. „Die zu erlangen, muss der nächste Schritt sein.“

Topsprints bei der WM – ohne deutsche Beteiligung.
Foto: Wolfgang Birkenstock

Nimmt man die deutschen Sprinterinnen mit dazu, hat nur die Mannheimerin Verena Sailer beim Saisonhöhepunkt in Moskau eine Leistung abgeliefert, die in etwa dem entspricht, was sie im Vorfeld der Titelkämpfe gezeigt hat. Tatjana Pinto erreichte zwar das Halbfinale, durchaus ein Erfolg für die 21-jährige Münsteranerin, aber auch sie blieb in 11,38 Sekunden merklich über ihrer Saisonbestzeit von 11,22 Sekunden.


Wettkampfkompetenz ist gefragt

„Das ist kein deutsches Problem, das ist insgesamt ein Problem von Sprintern“, betont Thomas Kremer, der für die Frauen zuständige Bundestrainer. „Da gibt es ganz viele, die hier zwei Zehntel langsamer laufen als ihre Saisonbestzeit. Gerade die, die weiter hinten laufen.“ Das, was diesen Sprinterinnen und Sprintern fehlt, und ebenso den Deutschen, nennen die Trainer „Wettkampfkompetenz“, also die Fähigkeit, auch in einer direkten Konkurrenzsituation und unter Stress gegen schnellere Gegner annähernd seine Leistung abrufen zu können. „Es ist etwas völlig anderes, wenn man alleine vor dem Feld her rennt. Man kann sich voll auf die eigene Technik konzentrieren“, so Kremer. „Aber wenn man gegen jemanden läuft, dann macht man schnell was falsch, und dann sind ein oder zwei Zehntel weg.“

In dieser Beziehung ist Verena Sailer den anderen deutschen Kurzstrecklern deutlich voraus. Nicht nur, dass sie 2010 bereits Europameisterin war. Sie habe in diesem Jahr „ganz bewusst“ internationale Konkurrenz gesucht, so Kremer. „Sie war in London, sie war in Rabat, sie war in Oslo in der Diamond League, und hat da ja zum Teil auch böse was auf die Mütze bekommen. Aber die Erfahrung hat ihr hier sicherlich schon geholfen und wird ihr auch in Zukunft helfen.“ Nun scheitert das bei den männlichen Kollegen nicht unbedingt am fehlenden Willen, sich internationaler Konkurrenz zu stellen. „Mit einer Bestzeit von 10,25 oder 10,30 Sekunden kommt man in kein Diamond League-Rennen. Da kommt man nirgendwo rein. Daher war es schon mal wichtig, eine 10,07 zu laufen. So können Reus und Keller vielleicht irgendwo mit reinrutschen, wo 9,90-Sprinter sind. Das ist eine andere Welt“, erläutert Stein.

Ziel für die nächsten Jahre sei es, auch bei den Männern einen Sprinter ins Halbfinale zu bekommen. Der Endlauf sei kein Thema. „Wie soll ein sauberer Sprinter bei einer WM ins Finale kommen? Wie soll das gehen? Wir müssen doch realistisch bleiben.“ Sind Weltrekordzeiten ohne Doping möglich? „Ich sage Nein“, hat Stein da eine klare Meinung. Und ergänzt: „Es wäre Selbstmord für die Leichtathletik, Bolt hochgehen zu lassen. Die Leute wollen das sehen. Die wollen doch keinen Weltmeister mit einer 10,20.“ Kremer freut sich über die Dopingfälle der vergangenen Wochen. Sie seien ein Schritt hin zu einem faireren Wettbewerb. „Uns persönlich hat das eher Auftrieb gegeben, denn wir merken, dass Kontrollen jetzt auch weltweit stattfinden. Wenn prominente Athletinnen wie Veronica Campbell-Brown oder jetzt Kelly-Ann Baptiste positiv getestet werden, heißt das, die Tests funktionieren.“ Für die deutschen Sprinter und Sprinterinnen legt er – natürlich – seine Hand ins Feuer.


Veränderungen war nötig

„Wir mussten was verändern“, sagt der Männer-Bundestrainer im Rückblick. „Wir geben uns nicht damit zufrieden, dass wir immer die Prügelknaben der Nation sind.“ Die Top-Sprinter wurden analysiert. „Wir haben alles genau aufgedröselt, entschlüsselt und haben geschaut, wo der Knackpunkt bei den deutschen Sprintern ist. Wo sind da technische Defizite im Laufstil?“ Da bot sich natürlich Usain Bolt als Vergleich an. Aber die Analysen hätten ergeben, so Stein, dass der Weltrekordler aus technischer Sicht gar nicht das Maß der Dinge ist. Das sei Bolts Landsmann Yohan Blake, 100 Meter-Weltmeister von 2011. „Blake ist von seinem Laufbild her von allen Sprintern, wie wir ausgewertet haben, am effektivsten.“

Diese Effektivität drückt sich in Zahlen aus. In Bodenkontaktzeiten, in Kraftimpulsen, in Winkeln und Winkelgeschwindigkeiten, die wiederum zu Änderungen im Training führten. „Wir laufen kürzere Strecken mit höherem Tempo. Mehr Läufe in der Zielgeschwindigkeit. Das haben wir im vergangenen Jahr umgestellt und das hat jetzt zu dieser Leistungsentwicklung geführt“, sieht Stein die deutschen Sprinter auf dem richtigen Weg. Ziel ist ein optimales Verhältnis von Schrittfrequenz und Schrittlänge. Individuell für jeden Sprinter. „Die Schrittlänge wird über die Geschwindigkeit des Fußaufsatzes produziert, nicht über den Abdruck hinter dem Körper. Das ist die Veränderung zum Sprintschritt zum Beispiel von Walerij Borsow 1972 in München“, erklärt Kremer. Kleinvieh macht an dieser Stelle auch Mist: Bei nur zwei oder drei Zentimeter pro Schritt summiert sich das bei den etwas über 40 Schritten, die ein Sprinter für die 100 Meter benötigt, zu einem Meter. Die schnellen Athleten jenseits des Atlantiks haben es vorgemacht.


Sprint als Religion

Aber die Erfolge der Jamaikaner oder der US-Sprinter sind nicht nur eine Frage der Technik. „Ich glaube, dass das Selektionssystem besonders wichtig ist“, sagt Kremer. „In den USA arbeiten an den Highschools und den Colleges 1500 hauptamtliche Leichtathletik-Trainer, davon die meisten im Sprint. Der Sprint ist ungeheuer populär in den USA. In Jamaika sprintet jedes Kind, das ist da eine Religion. Man ist sicher, jedes Talent zu erwischen. Und Sprint ist zunächst einmal Talent.“ Er sei davon überzeugt, dass das Niveau in Deutschland ähnlich sein könnte – „wenn wir hier alle Talente bekommen würden. Aber wenn wir Talente finden, ist das reiner Zufall.“ Hinzu komme an den US-Colleges die enge Verzahnung zwischen Sport und Wissenschaft, was Vereine in Deutschland gar nicht und selbst die Olympiastützpunkte nur zum Teil leisten könnten. Stein sieht auch in den ganzjährig sprintfreundlichen Trainingsbedingungen einen wichtigen Aspekt. „Wir müssen dahin, wo wir Top-Bedingungen haben. Die anderen müssen nicht ins Trainingslager fahren.“ Für die Aufenthalte und Florida oder auf Sardinen zahlen die Athleten dabei auch einiges aus der eigenen Tasche.

An einen irgendwie gearteten genetischen Vorteil Dunkelhäutiger glaubt Stein indess nicht. „Ich glaube hingegen, dass auch weiße Sprinter eine 9,90 laufen können. Und ich glaube seit diesem Jahr, dass auch ein deutscher Sprinter bei optimalen Bedingungen unter zehn Sekunden laufen kann. Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten.“

Wolfgang Birkenstock