Leichtathletik-EM 2014 in Zürich:

„Die Hürden stehen an der gleichen Stelle“

Zehnkämpfer Kai Kazmirek führt die europäische Rangliste an. Und will doch nur Erfahrung sammeln

ZÜRICH. Am Tag vor seinem ersten Auftritt auf der großen Bühne der Leichtathletik ist Kai Kazmirek die Ruhe selbst. „Ich mache mir keinen Stress.“ Am Vormittag hat sich der Mehrkämpfer der LG Rhein-Wied das 2007 neu gebaute Züricher Stadion Letzigrund angeschaut, den Austragungsort der heute beginnenden Leichtathletik-Europameisterschaften. Sich ein bisschen orientieren, Laufwege eingeprägt, damit man sich während des Wettkampfes nicht damit beschäftigen muss. Training stand nicht auf dem Programm. „Ich bereite mich immer gleich vor. Am Tag vorher mache ich nie was.“ Außer gepflegt die Beine hochzulegen. „Ich bin gut vorbereitet“, ist er überzeugt.


Kai Kazmirek von der LG Rhein-Wied: Fuhr als Führender der europäischen Bestenliste zu den Europameisterschaften nach Zürich.
Foto: Wolfgang Birkenstock

Die Zehnkämpfer gehören zu den Ersten, die bei den Titelkämpfen in Zürich, zugleich der Saisonhöhepunkt für die europäische Leichtathletik, in Aktion treten. Um exakt – wir sind in der Schweiz – 10:11 Uhr werden die Sprints über 100 Meter gestartet. Abschluss werden die 1500 Meter am Mittwoch Abend um 20:37 Uhr sein. Natürlich genauso exakt. Drei deutsche Vielseitigkeitsathleten sind dabei. Neben Kazmirek noch Nico Freimuth vom SV Halle, im vergangenen Jahr Siebter der WM in Moskau und Sechster der Olympischen Spiele 2012 in London, sowie Arthur Abele aus Ulm, der nach langer Verletzungszeit eindrucksvolles Comeback hingelegt hat. Die Ausgangsposition könnte kaum besser sein. Kai Kazmirek, mit 23 Jahren der jüngste des Trios, führt die europäische Rangliste an. 8.471 Punkte hatte der angehende Polizeikommissar bei seinem bisher einzigen Zehnkampf in dieser Saison in Götzis gesammelt. Das war Ende Mai. Persönliche Bestleistung, deutlich über der EM-Norm, deutlich vor der nationalen Konkurrenz. Was genauso wichtig war, denn pro Land gibt es nur drei Startplätze. Freimuth ist mit der zweitbesten Leistung des Kontinents (8.356) nach Zürich gereist.

Das bedeute für Kazmirek exakt nichts. Sagt er zumindest. „Das ist eine Meisterschaft. Ich weiß nicht, wie bei den anderen Wettkämpfen die Bedingungen waren.“ Seine Ziele für die Titelkämpfe setzt er mehr als bescheiden an: „Ich will Spaß haben und Erfahrung sammeln.“ Bei letzterem möchte er sich vor allem an den Teamkollegen Freimuth halten. Für Kazmirek zugleich einer der stärksten Gegner. Ebenso wie Arthur Abele und der Franzosen Kevin Mayer. Immerhin sieht er sich als Konkurrent der vermeintlichen Medaillenkandidaten. Vielleicht soll es doch etwas mehr sein, als nur ein bisschen Erfahrung sammeln.

Natürlich ist das für den angehenden Polizeikommissar kein Wettkampf wie jeder andere. Es ist seine erste große internationale Meisterschaft in der Männerklasse. Bei der Hallen-WM Anfang März im polnischen Sopot hat er da immerhin schon einmal reingeschnuppert, aber eine Freiluft-EM ist doch ein anderes Kaliber. Vor allem im Vergleich zu den Junioren-Meisterschaften, bei denen der junge Mann aus dem bei Koblenz gelegenen St. Sebastian seine bisherigen Erfolge feierte. 2009 war er Dritter der U20-EM, 2010 Sechster der U20-WM, 2011 Sechster der U23-EM. Höhepunkt seiner bisherigen Karriere ist der Titelgewinn bei der U23-EM 2013. Sein Trainer Jörg Roos hat ihn in den vergangenen Jahren behutsam aufgebaut.

Dennoch betont Kazmirek immer wieder, wie entspannt er an die neue Herausforderung heran geht. Man ist geneigt, ihm zu glauben, hat er sich bisher doch als äußerst cool und nervenstark gezeigt, auch in schwierigen Situationen. „Ich bin nicht nervöser als bei einer Rheinland-Meisterschaft“, sagt er. „Die Hürden stehen an der gleichen Stelle.“

Wolfgang Birkenstock