18.06.2015:

Der Zweifel läuft mit

Ist Abdi Uya Hundesa tatsächlich Abdi Uya Hundesa? Diskussion um die Identität und das Alter des Läufers zwischen zwei Landesverbänden.

LIMBURG. Abdi Uya Hundesa von der LG Lahn-Aar-Esterau ist ein hervorragender Mittelstreckler. Im Winter wurde er nach einem tollen Rennen Westdeutscher Hallenmeister über 1500 Meter. Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Karlsruhe holte er auf der gleichen Distanz Bronze. Auch in der laufenden Freiluftsaison hat er schon mit guten Leistungen auf sich aufmerksam gemacht, steht in der aktuellen deutschen Bestenliste über 1500 Meter auf Platz fünf. Aber – so seltsam die Frage auch klingen mag – ist er überhaupt Abdi Uya Hundesa? Es gibt Hinweise, die Fragen zu seiner Identität und seinem Alter aufwerfen.

Links Abdi Uya Hundesa bei den Deutschen Hallenmeisterschaften 2015 in Karlsruhe, rechts Taha Huya Undessa beim Pfingstsportfest 2011 in München. Ist das ein und die selbe Person?
Fotos: Wolfgang Birkenstock, Theo Kiefner

Diese Unstimmigkeiten haben den Hessischen Leichtathletik-Verband (HLV) im Herbst des vergangenen Jahres dazu veranlasst, Abdi Uya Hundesa zu sperren. Zunächst komplett, dann doch nur für die Altersklassen U20 und U23. 2014 zählte der Läufer noch zur U20, der früheren Jugend A, und startete für den LC Mengerskirchen. Die Sperre hatte de facto keine Auswirkung, da Abdi Uya Hundesa zum neuen Jahr zur LG Lahn-Aar-Esterau und damit ins Rheinland wechselte. Der nun zuständige Leichtathletik-Verband Rheinland (LVR) interpretierte die vorliegenden Informationen anders als der HLV und erteilte dem Athleten das Startrecht für die U23 und die Männerklasse. „Grundlage unserer Entscheidung war die vorgelegte Geburtsurkunde. Alles andere, was bisher ins Feld geführt wurde, sind Indizien“, sagt LVR-Präsident Klaus Lotz. Es gäbe, so der Jurist, aus seiner Sicht keinen Grund, an der Echtheit der Urkunde und der Richtigkeit des Inhaltes zu zweifeln.


HLV stolpert über Mail-Adresse

Der Anlass, genau dies zu tun und weitere Nachforschungen anzustellen, war eine eher zufällige Entdeckung. Michael Siegel, der Landestrainer Lauf des HLV, stellte den E-Mail-Verteiler neu zusammen und stolperte dabei über die Mail-Adresse von Abdi Uya Hundesa, die nicht irgendwie mit seinen Namen zu tun hat, sondern tahahuya@… lautete. Das war im November 2014.

Einen Läufer aus Äthiopien mit diesem Namen gibt es oder gab es tatsächlich. Ein Taha Huya Undessa taucht beispielsweise in der Ergebnisliste eines Sportfestes im tschechischen Kladno vom 07. September 2010 auf. Taha Huya Undessa startete dort für den Verein AC Mladá Boleslav o.s. und gewann die 800 Meter in 2:26,64 und die 3000 Meter in 8:27,74 Minuten. In der Männerklasse. Als Geburtsjahr ist dort 1986 angegeben. Auf der Homepage des tschechischen Leichtathletik-Verbandes wurde über dieses Sportfest berichtet und Taha Huya Undessa namentlich erwähnt. Michael Siegel hat auf der Facebook-Seite Abdi Uya Hundesas einen mittlerweile verschwundenen Eintrag einer Tschechin namens Lenka Černá gefunden, die ihn mit „Taha“ anspricht. Ein sogenannter „Like“ Černás findet sich aber immer noch. Sie lebt in Mladá Boleslav.

Dann gibt es die Ergebnisliste des Pfingstsportfestes 2011 in München, wo ein Taha Huya Undessa aus Äthiopien in 3:44,55 Minuten Zweiter über 1500 Meter wurde. Wiederum bei den Männern. Wo er mit dem dort angegebenen Geburtsjahr 1991 auch hingehörte. Das war 2011 der jüngste Jahrgang der U23 und damit der Männerklasse.

Das Rennen über 1500 Meter an diesem 11. Juni 2011 hat der Fotograf Theo Kiefner im Bild festgehalten. Wenn man das Foto aus dem Jahr 2011 mit aktuellen Bildern vergleicht, kann man durchaus zu der Feststellung gelangen, dass es sich um ein und den selben Läufer handelt. Sogar so etwas wie eine kleine Narbe an der rechten Wange ist identisch.


Taha Huya Undessa verschwindet, Hundessa Abdi Uya taucht auf

Taha Huya Undessa ist nach dem Sommer 2011 nicht mehr greifbar. Am 30. Oktober 2011 startete dafür ein Hundessa Abdi Uya für die LG Eintracht Frankfurt in der männlichen Jugend B beim 4,2 Kilometer langen „Minimarathon“ genannten Jugendrennen im Rahmen des Frankfurt-Marathons. Jahrgang: 1995. In der Frankfurter Rundschau wurde der „16-Jährige“ für seinen Streckenrekord gelobt. Unter dem Namen Abdi Uya Hundessa läuft er dann ab Anfang 2012 für den LC Mengerskirchen. Im Rheinland wird er nun als Abdi Uya Hundesa geführt. Eine Person, zwei Namen, drei Jahrgänge?

Der HLV will das nicht auf sich beruhen lassen und hatte beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zunächst einen Antrag auf Sperrung Abdi Uya Hundesas für die U23 gestellt. „Wir haben Frank Hamm alles mitgeteilt, was wir wissen“, so HLV-Präsidentin Anja Wolf-Blanke. Der Aachener Frank O. Hamm ist im Präsidium des DLV als Vizepräsident für die Wettkampforganisation und das Veranstaltungsmanagement verantwortlich. Doch für den Fall Abdi Uya Hundesa sieht er sich nicht zuständig. Das Startrecht, so Hamm, „ist eine reine Landesverbandssache“. Der Ball liegt also wieder im Feld des LVR, der ihn aber gar nicht aufnehmen möchte. „Für uns gibt es keinen Handlungsbedarf“, stellt Klaus Lotz klar.

Daran ändere auch der neue hessische Anlauf nichts, betont der LVR-Präsident. Der HLV ist im Mai noch einmal an die Kollegen im Rheinland herangetreten. „Wir haben den LVR angeschrieben und ihm den Sachverhalt dargestellt“, so Anja Wolff-Blanke. Es gehe ihr um eine Sperrung Abdi Uya Hundesas für die Juniorenklasse U23. Denn die Hessen sind weiterhin der Ansicht, dass der Läufer älter ist als angegeben. In einem nächsten Schritt will der HLV den DLV-Rechtsausschuss anrufen.

Klaus Lotz hingegen sieht „keine neuen Erkenntnisse“, der LVR werde daher bei seinem Standpunkt bleiben. Und erhielt dabei gewichtige Unterstützung: „Die Geburtsurkunde wurde vom Gericht anerkannt.“


Asyl für Abdi Uya Hundesa

Denn der Fall hat mehr als eine sportliche Dimension. Abdi Uya Hundesa kämpft nicht nur auf der Rundbahn, sondern auch vor Gericht. Kämpfte – um präzise zu sein. Sein Asylantrag wurde zunächst vom zuständigen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abgelehnt, das Verwaltungsgericht in Wiesbaden gewährte ihm aber am 27. April den angestrebten Flüchtlingsschutz. Mit Ablauf der Einspruchsfrist ist das Urteil seit dem 08. Juni auch rechtskräftig.

Er sei „exilpolitisch tätig“, erklärt Rechtsanwalt Abdul R. Issa, der den Äthiopier in seinem Asylverfahren vertritt. Und stamme „aus einer gegen die Regierung arbeitenden Familie“. Im Vorgehen des hessischen Verbandes sieht er eine „Retourkutsche“ wegen des Wechsels des Athleten ins Rheinland. „Der HLV hat ihn zunächst massiv unterstützt“, sagt Issa. Zu dem Foto von 2011 und den anderen Hinweisen wolle er aber keine Stellung nehmen. Wie übrigens auch Abdi Uya Hundesa nicht. Trotz einer Gesprächszusage.

Das hartnäckige Vorgehen des HLV könnte man tatsächlich als Nachtreten deuten. Der Vorwurf, der hessische Verband habe das ganze Verfahren nur losgetreten, um seinem ehemaligen Aushängeschild eins auszuwischen, lässt sich allerdings bei einem Blick auf den zeitlichen Ablauf der Ereignisse nicht halten. Nina Jung, die Beauftragte für Leistungssport und Vorsitzende des Beirates Leistungssport im LVR, die sich zusammen mit ihrem Mann Alexander-Steffen Jung, dem Vorsitzenden des LAZ Lahn-Aar-Diez, ein wenig um Abdi Uya Hundesa in seiner neuen Heimat kümmern, bestätigt, dass der Wechsel des Läufers aus Hessen ins Rheinland erst zum Ende der Wechselfrist am 30. November 2014 bekannt wurde. Die Gespräche seien vertraulich geführt worden. Die Diskussion innerhalb des HLV über die gefundenen Erkenntnisse, die Zweifel an der Identität und das Alter des Athleten aufkommen ließen, und möglichen Konsequenzen wie eine Sperre, begann aber schon vorher. Internen E-Mails zwischen dem Landestrainer Michael Siegel, der Präsidentin Anja Wolf-Blanke und Enrique Tortell, dem Vizepräsidenten Recht des Verbandes, in denen konkret über das weitere Vorgehen des HLV gesprochen wird, datieren vom 24. und 27. November. Aus den Mails geht hingegen nicht hervor, dass die Beteiligten über eine anstehenden Wechsel Abdi Uya Hundesas ins Rheinland informiert waren. Was sich mit der Aussage von Nina Jung deckt.


Zu Unrecht gewonnene Titel?

Abdi Uya Hundesa hat in den Jahren 2012 bis 2014 reihenweise Hessische Landestitel in den Jugendklassen U18 und U20 gewonnen. Bei Deutschen Jugendmeisterschaften im Freien und in der Halle holte er 2013 und 2014 in der U20 dreimal Silber. 2015, nun im Trikot der LG Lahn-Aar-Esterau, wurde er Rheinland-Crossmeister in der U23. Alles Altersstufen, in denen er möglicherweise nicht hätte starten dürfen. Das wäre Betrug an den sportlichen Konkurrenten gewesen, die um Siege und Medaillen gebracht worden wären. „Meistertitel können aus so einem Grund im Nachhinein nicht aberkannt werden“, so Wolf-Blanke. Was bei ihr erkennbar für Unmut sorgt. Diese – vermutete – Ungerechtigkeit, betont die Präsidentin, sei der Grund für das Vorgehen des HLV. Aber sie sagt auch: „Wenn Abdi nicht mehr in der U23 startet, ist alles gut.“

Am vorigen Wochenende standen die Deutschen Meisterschaften der U23 an. Im hessischen Wetzlar. Abdi Uya Hundesa, der mittlerweile nicht mehr bei Lutz Preußner, sondern bei Klaus Klaeren trainiert, dem LVR-Verbandstrainer Lauf, wollte zunächst antreten. Doch dann hat sein Verein die Meldung wieder zurückgezogen. Es war wahrscheinlich eine gute Idee, sich in der umstrittenen Altersklasse ein wenig bedeckt zu halten und auf den prominenten Start zu verzichten. Der Zweifel läuft weiterhin mit.

Wolfgang Birkenstock

(dieser Artikel ist in gekürzter Form am 11.06.2015 in der Rhein-Zeitung erschienen)



Ergänzungen: Das Verwaltungsgericht Wiesbaden (VG Wiesbaden, Urteil vom 27. April 2015 – 5 K 1532/14.WI.A –, juris) schreibt in seinem Urteil über den Flüchtlingsstatus Abdi Uya Hundesas u.a., dass ihm wegen seiner politischen Tätigkeit eine Rückkehr nach Äthiopien nicht zugemutet werden könne. Durch seine sportlichen Erfolge verfüge er über einen relativ hohen Bekanntheitsgrad und wegen der Berichterstattung in der Presse müsse davon ausgegangen werden, dass Hundesa im Fokus der äthiopischen Behörden stünde. Aber das Gericht ist keinesfalls davon überzeugt, dass seine Angaben zu Person alle korrekt sind: „Dies gilt unabhängig von der Frage, unter welchem Namen und mit welchem Geburtsdatum der Kläger in Äthiopien gelebt haben mag“, heißt es in dem Urteil.

Bei den Deutschen Meisterschaften der U23 am 23./24. Juli 2016 in Bochum-Wattenscheid war Abdi Uya Hundesa über 800 Meter am Start, mittlerweile im Trikot des Diezer TSK Oranien, und gewann die Silbermedaille.