15.06.2017 • Sony hat mich „als unseren ausgewählten Profi-Fotografen“ nach Köln eingeladen, um mir die „innovativen Vorzüge der Alpha 9“ nahe zu bringen. So hieß es in der entsprechenden E-Mail. Da fühlte ich mich doch direkt geschmeichelt und angesprochen.

Es ging also um das neue fotografische Spitzengerät von Sony, mit dem die Japaner in das Segment der professionellen Sport- und Actionfotografie vorstoßen wollen.

So fuhr ich gestern zur „Sony Professional Photographer’s Conference“ ins RheinEnergieStadion. Wie üblich bei derartigen PR-Veranstaltungen hat Sony kaum Kosten und Mühen gescheut. Thomas Nedder, der Chef von Sony Deutschland war ebenso vor Ort wie Yosuke Aoki, Vice President von Sony Europe, der einen recht energiegeladen Auftritt hinlegte, um uns die Qualitäten der neuen Kamera zu vermitteln. Die Hochzeitsfotografen Nicole und Ralf Obermann sowie der Konzertfotograf Ralph Larmann berichteten, wie zufrieden bis begeistert sie von der Alpha 9 sind. Es gab natürlich auch genug Gelegenheit, sich sowohl mit Kollegen als auch mit Sony-Mitarbeitern auszutauschen.

Soweit, so gut. Aber viel spannender und der eigentliche Grund für die Reise nach Köln: Ich konnte mit der Alpha 9 etwa eine Stunde fotografieren. Dabei sind gut 1000 Bilder entstanden. Ja, schnell ist das Gerät. Sony hatte im Stadion verschiedene Stationen aufgebaut, Shooting Sets genannt, bei denen man die Kamera ausprobieren konnte. Ich habe mich überraschenderweise auf den Sport-Set beschränkt, der aus einem Dutzend Fußballern bestand, die auf dem Rasen ein bisschen rumkickten.

Meine Erkenntnisse? Das Teil ist verdammt fix. 20 Bilder/Sekunde bei 24 MP im Vollformat sind nicht zu verachten. Der Autofokus (AF), bisher der Schwachpunkt der spiegellosen Kameras, ist bei der Alpha 9 wirklich gut.

Schon bei der Alpha 6000 hatte Sony großspurig vom besten AF der Welt gesprochen. Das ist er definitiv nicht, und er war es auch nicht, als die 6000er 2014 auf den Markt kam. Aber vom AF der Alpha 9 bin ich angetan. Zumindest bei den Fußballszenen folgte er problemlos bei 20 Bildern/Sekunden den Spielern. Kaum unscharfe Bilder. Gelungen!

In Sachen Rauschverhalten fehlt mir der Vergleich zu den aktuellen Top-Modellen von Canon (EOS 1D X Mark II) und Nikon (D5). Ich bin bei ein paar Fotos während der Vorträge bis ISO 12800 gegangen. Besser als meine EOS 5 D Mark III scheint die Alpha 9 in dieser Hinsicht auf alle Fälle zu sein. Ich habe ein paar Beispielbilder zusammengestellt.

Ein elektronischer Sucher mag gewöhnungsbedürftig sein, bei der Alpha 9 hat er mich nicht gestört. Zwar habe ich keine Probleme damit, ein Bild korrekt zu belichten, aber dass man bei einem elektronischen Sucher das Foto so sieht, wie es belichtet wird und auf der Speicherkarte landet, ist praktisch und hilfreich. Gerade bei schnell wechselnden Lichtverhältnissen. Ich kenne das von meiner kleinen Alpha 6000, die ich im vergangenen Jahr bei unserem Island-Urlaub längere Zeit im Einsatz hatte. Als ich danach wieder mit meinen Spiegelreflexkameras (DSLR) im Stadion unterwegs war, habe ich mich zunächst gewundert, warum das da nicht funktioniert …

Dass der Sucher, wie es Sony gerne und häufig betont, vollständig unterbrechungsfrei ist und es keine sogenannten Blackouts gibt, ist schön – allerdings habe ich das bisher bei meinen DSLR nicht als Problem wahrgenommen. Viel spannender an dieser Stelle ist, dass, wenn man den elektronischen Verschluss verwendet, es keine mechanischen Teile gibt, die verschleißen können.

Die Kamera ist tatsächlich nahezu lautlos. Eine Auslöse-Rückmeldung gibt es visuell im Sucher. Das fand ich zunächst gewöhnungsbedürftig, ich habe beim Test das (leise) künstliche Auslöse-Geräusch aktiviert. Aber ich kann mir durchaus Situationen vorstellen, in denen es ein echter Vorteil ist, beim Fotografieren nicht wie ein Maschinengewehr zu klingen.

Das Objektiv SEL 100-400/4.5-5.6, mit dem ich in der Stunde fotografiert habe, ist schnell und scharf. Aber da sind wir schon bei einem, wenn nicht dem entscheidenden Knackpunkt, wenn es um die Alpha 9 als Kamera für Sportfotografen geht. Zumindest momentan. Es fehlen am langen Brennweiten-Ende schlicht die passenden und nötigen nativen E-Mount-Objektive. Das genannte SEL geht zwar immerhin bis 400 mm Brennweite, ist aber bei einer Offenblende von 4.5 bzw. 5.6 nicht gerade ein Lichtmonster. 300/2.8, 400/2.8, 500/4.0, 200-400/4.0, um mal ein paar Modelle aus dem Portfolio der Konkurrenz zu nennen – komplette Fehlanzeige. Das weiß Sony natürlich auch. Ein SEL 200-600/4.0 fände ich übrigens ziemlich genial … ;-)

Zwar ist es im Prinzip möglich, mit Hilfe von Adaptern so ziemlich jedes Fremdobjektiv irgendwie ans E-Mount schrauben, aber das kann man, auch auf die Gefahr hin, an dieser Stelle zu verallgemeinern, bestenfalls als Not- oder Übergangslösung sehen. Zumindest bei der Sportfotografie, wo es auf Geschwindigkeit und einen guten AF ankommt. Ich konnte in Köln mein Canon EF 70-200/2.8, aktuelles Modell, mit einem Sigma MC-11-Adapter an der Alpha 9 ausprobieren. Die Kombination schaffte an die 20 Bilder/Sekunden (habe nicht nachgezählt, aber es war schnell), das erste Bild war auch scharf, aber dann folgte der AF nicht mehr. Die Herausforderung war moderat: Eine Person ging gemessenen Schrittes auf mich zu. Zwischendurch gab es auch komplette Aussetzer, ich musste die Kamera aus- und wieder einschalten. Allerdings sei die Firmware des MC-11, wie mir Sigma-Mitarbeiter sagten, noch nicht an die Alpha 9 angepasst. Warten wir ab, wie gut das noch wird.

Probleme mit Adaptern und Objektiven von Fremdherstellern kann man Sony natürlich nicht vorwerfen. Aber die Position der Objektiventriegelungstaste sehr wohl. Hallo Sony?! Wie kann man auf so etwas kommen? Die Taste ist zwischen Bajonettring und Griff versteckt. Hängt ein größeres Objektiv an der Kamera, muss man einige Verrenkungen anstellen, um die Taste zu erreichen und gleichzeitig noch Objektiv und Kamera festzuhalten. Ganz schlecht gelöst.

Der Platz zwischen Kameragriff und Objektiv ist knapp bemessen. Zu knapp. Ich habe keine Knubbelfinger, aber bei einem montierten SEL 100-400/4.5-5.6 blieben nur ein paar Millimeter Luft. Mit Handschuhen könnte es eng werden.

Kleine Größe ist per se kein Qualitätsmerkmal. Natürlich ist klein und leicht angenehm, wenn es um das Tragen und Transportieren der Geräte geht. Aber beim Handling muss das nicht zwangsläufig ein Vorteil sein. Ein kleines Kameragehäuse bedeutet auch, dass weniger Platz für Bedienelemente vorhanden ist bzw. diese kleiner ausfallen müssen. Ich denke, einen Zentimeter mehr in der Breite hätte die Kuh nicht fett gemacht, aber die Ergonomie der Kamera verbessert. Und mehr Raum zwischen Griff und Objektiv ermöglicht.

Letzter Kritikpunkt: Der zweite Kartenslot für SD-Karten. Nicht der Slot an sich. Der ist natürlich gut und sinnvoll. Sony wirbt damit, wie schnell doch Slot Nummer eins sei, UHS-II-Standard mit über 300 MB/s. Slot Nummer zwei kann aber nur UHS-I mit etwa 100 MB/s. Bei parallelem Schreiben auf beide Karten ist letzterer der limitierende Faktor. Warum nicht beide mit UHS-II? Bei einer professionellen Kamera, die über 5000 € kostet, ist das an der falschen Stelle gespart.

Eine Auflistung der technischen Daten der Alpha 9 habe ich mir erspart. Kann man auf der Sony-Homepage nachlesen.

Ich sollte erwähnen, dass mich Sony mit der Erstattung der Fahrtkosten und einer SD-Karte bestochen hat … ;-)




Beispielfotos Alpha 9

















Der Torwart hechtete nach dem Ball in meine Richtung. Bilderfolge von 8 Fotos mit einer Geschwindigkeit von 20 Bildern/s (also über einen Zeitraum von 0,4 Sekunden). Entfernung etwa 30 Meter.

Alpha 9 mit SEL 100-400/4.5-5.6 bei einer Brennweite von 400 mm, ISO 800, Belichtungszeit 1/2000 s, Blende 5.6.



Die Fotos sind unbearbeitete JPEG direkt aus der Kamera. Ich habe die Bilder nur zugeschnitten und verkleinert. Das Kopffoto zeigt die 100%-Ansicht (480 px breit). Alle acht Bilder mit dieser Schärfe.





Ein Foto von einem der Vorträge. Wiederum unbearbeitetes JPEG direkt aus der Kamera, zugeschnitten und verkleinert. Unten die 100%-Ansicht (480 px breit).

Alpha 9 mit SEL 100-400/4.5-5.6 bei einer Brennweite von 400 mm, ISO 12800, Belichtungszeit 1/800 s, Blende 5.6.