27.12.2020 • Will ich tatsächlich auf diese beschissenen zwölf Monate zurückblicken? Darüber muss ich erst einmal einen Augenblick nachdenken … es fing immerhin spannend an, das Jahr 2020. Ende 2019 hatte ich mich nach langem Überlegen entschieden, bei der Fotoausrüstung den Wechsel von Canon zu Sony zu vollziehen. Ein kompletter Systemwechsel. Nach knapp 30 Jahren. Alles von Canon raus, alles neu von Sony. Kameras, Objektive, Akkus, Speicherkarten … also eine größere Investition. Deshalb wollte das wohlüberlegt sein. War es grundsätzlich auch. Nur dass dummerweise Mitte März, sechs Wochen nach dieser größeren Investition, alle Aufträge weg waren. Erster Corona-Lockdown.

Trotz des nicht ganz optimalen Timings bin ich froh, dass ich den Wechsel vollzogen habe. Ich habe mich seitdem auf jeden Fototermin gefreut. Es war interessant, das neue System kennenzulernen, zu experimentieren, die Grenzen der Technik auszureizen. Natürlich – der Mann oder die Frau hinter der Kamera macht das Bild. Alte Fotografen-Weisheit. Im Prinzip auch richtig. Aber die Ausrüstung sollte einen bei der Arbeit möglichst wenig einschränken. Ich fühle mich momentan ziemlich wenig eingeschränkt.

Den Experimentierstatus habe ich natürlich schon längst hinter mir gelassen. Denn Ziel musste sein, das neue System zügig im Schlaf zu beherrschen. Ist ja ein Werkzeug. Mein primäres Werkzeug. Am längsten hat es gedauert, bis ich mich an die Drehrichtung der Zoomobjektive gewöhnt habe. Die drehen bei Sony im Vergleich zu Canon genau in die andere Richtung.

Leider hatte ich in diesem Jahr sehr viel weniger Gelegenheit als gedacht, mit dem neuen Equipment zu arbeiten. Das sorgte bei mir zwischenzeitlich für etwas Frust: die beste (meine Meinung ;-) Kamera für Sportfotografie im Schrank – und monatelang kein Sport.

Bei zwei Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften war ich im (Spät-) Sommer, hinzu kamen ein paar Meetings. Ein Blick in mein Fotoarchiv zeigt, wie ausgedünnt das Programm 2020 war. Der lokale und regionale Sport, den ich für die Aachener Nachrichten und Aachener Zeitung fotografiere, fand seit Mitte März nicht mehr statt. Ausnahme waren ein paar Tennisspiele im Juni. Im September sah es dann wieder ganz gut aus. Handball, Fußball, Volleyball, das, was üblicherweise zu der Zeit in Aachen und Umgebung in Sachen Sport über die Bühne geht, lief an. Wenn auch mit Auflagen. Das Vergnügen währte nur kurz. Anfang November war mit dem lighten Lockdown schon wieder Schluss. Seitdem ist nur Profisport erlaubt. Für die Kaiserstadt heißt das: Heimspiele der Ladies in Black in der Volleyball-Bundesliga der Frauen und der Alemannia Aachen in der Fußball-Regionalliga der Männer. Sechs Fototermine im November, ganze drei im Dezember . Das war’s zum Jahresende. Bilder vom letzten Fototermin 2020, das war die Begegnung der Ladies gegen NawaRo Straubing, finden Sie hier .

Keine oder deutlich weniger Sportveranstaltungen und damit Arbeitstermine für mich bedeutet auch, dass ich keine oder weniger Einnahmen habe. Von den vielen Milliarden an staatlicher Unterstützung kam bei mir nicht viel an. Anfang April habe ich die Soforthilfe beantragt und auch erhalten. Im Rahmen der „Vorgezogene freiwillige Abrechnung“ habe ich einen Teil der 9000 € wieder zurückgezahlt. Bei den Überbrückungsgeldern I und II, die man weiterhin wie auch die Soforthilfe nur für laufende Betriebsausgaben verwenden durfte und darf, fiel oder falle ich durch das Raster. Ich mache meine Miese einfach zum falschen Zeitpunkt. Und die November-/Dezemberhilfe passt bei einem freien Journalisten wie mir in der Regel auch nicht, da weder „mein Betrieb“ noch die Zeitungen, für die ich tätig bin, dicht gemacht wurden.

Aber: Wir haben (noch) keine existenziellen Sorgen und werden auch das schaffen! Wir sind von Corona verschont geblieben, waren und sind auch sehr vorsichtig. Trotzdem geht einem das ganze so langsam mächtig auf die Nerven. Keine entspannten Treffen mit der Familie, Freunden und Bekannten, irgendwo hinfahren oder einkaufen macht keinen Spaß bei den ganzen Einschränkungen, keine Konzerte, Museen oder Ausstellungen.

Apropos Einkaufen: Corona ist ein riesiges Hilfsprogramm für Amazon und Co. Auf Kosten der lokalen Einzelhändler und Geschäfte. Ohne die ist eine Innenstadt tot. Ich kaufe, soweit es immer möglich ist, in Läden hier in Aachen. Auch und erst recht jetzt! Ein paar Geschäfte möchte ich nennen, in denen ich mich seit Jahren als Kunde wohlfühle:

Ich bin ein wenig abgeschweift. Auch wenn die Sportjournalisten wegen des nur auf Sparflamme ausgetragenen Sports 2020 wenig aktuellen Stoff hatten und alternative Geschichten gesucht werden mussten, wobei auch Corona immer wieder zum Thema wurde, war grundsätzlich der Bedarf an einer seriösen und unabhängigen Berichterstattung selten so wichtig wie im abgelaufenen Jahr. Es musste viel berichtet werden, es wurde viel berichtet. Im krassen Kontrast dazu standen die wirtschaftlichen Probleme vieler Zeitungen durch Anzeigenschwund. Welches Geschäft schaltet eine Anzeige, während es geschlossen ist? Das galt vor allem während des ersten Lockdowns. Trotz der anfallenden Arbeit gingen viele personell vorher schon ausgedünnte Redaktionen in Kurzarbeit.

Während sich die Berichterstattung über Corona zunächst im Wesentlichen darauf beschränkte, die Maßnahmen der Regierenden zu verkünden und einen Virologen dazu zu befragen, der bestätigte, dass das genau so notwenig sei, wurde die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten zunehmend differenzierter. Anfeindungen von „Corona-Leugnern“, Verquertdenkenden und anderen Experten blieben nicht aus, waren zum Teil extrem aggressiv. Leute, die für sich in Anspruch nehmen, das Grundgesetz zu verteidigen, aber Artikel 5 geflissentlich ignorieren. Zur Erinnerung: Das ist der mit Meinungs- und Pressefreiheit.

Ein differenzierter und kritischer journalistischer Blick auf die Politiker war auch dringend notwendig. Nicht alles, was verordnet wurde, war sinnvoll und nützlich. Während man ihnen im Frühjahr noch zugutehalten konnte, dass die Situation völlig neu war, sind die Regierenden in Bund und den Ländern im Herbst eher die Getriebenen der Infektionszahlen als vorausschauend Handelnde. Mittlerweile sind die Infektions- und Todeszahlen in der Tat erschreckend hoch. Allerdings ist es an uns allen, verantwortungs- und rücksichtsvoll zu agieren.

Donald Trumps Ende im Weißen Haus ist eine der wenigen guten Nachrichten des Jahres. Er geht am 20. Januar, auch wenn er es nicht wahrhaben will. Warum ein Totalausfall wie Andreas Scheuer als Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur aber immer noch im Amt ist, bleibt ein Rätsel das Jahres 2020. Meine Homepage ist besser als noch im Frühjahr, mein Online-Fotoarchiv habe ich mit einigem Aufwand auf Vordermann gebracht, ich kenne mittlerweile alle Videokonferenz-Programme dieser Welt … aber trotzdem, nachdem ich einen Augenblick darüber nachgedacht habe, habe ich doch keine Lust, auf dieses beschissene Jahr zurückzublicken.

Aber ich möchte auf 2021 schauen: Sobald sich die Gelegenheit ergibt, werde ich mich impfen lassen!