Leichtathletik-WM 2019 in Doha:

„Das fühlt sich noch alles sehr surreal an“

Niklas Kaul überrascht mit Zehnkampf-Gold. Kai Kazmirek mit Patzer beim Hürdensprint

DOHA. Zum Jubeln reichte die Kraft nicht mehr. Nach dem Überqueren der Ziellinie am Ende der abschließenden 1500 Meter in der Nacht von Doha legte sich Niklas Kaul auf die Rundbahn des Khalifa International Stadium. Auch die fehlende Nationalfahne, mittlerweile unentbehrliches Utensil für Siegerjubel und -posen, war zu dem Zeitpunkt erst einmal nicht so wichtig. „Da genießt man einfach den Moment“, so Kaul. Mit einer phänomenale Aufholjagd am zweiten Tag des Zehnkampfes bei der Leichtathletik-WM in Doha holte der 21-jährige Mainzer als jüngster Weltmeister unter den bisherigen Königen der Athleten mit 8691 Punkten Gold. „Das fühlt sich noch alles sehr surreal an, was da so in den letzten paar Stunden passiert ist“, formulierte es der neue Weltmeister kurz nach dem Wettkampf. Der Ulmer Tim Nowak wurde Zehnter (8122), Kai Kazmirek von der LG Rhein-Wied hatte sich durch einen Patzer im Hürdensprint selbst aus dem Medaillenrennen katapultiert.


Jubel nach übersprungenen 5,00 Meter im Stabhochsprung.
Foto: Wolfgang Birkenstock

Es war die vierte Hürde auf Bahn zwei, knapp 1,07 Meter hoch, an der Kazmireks Traum von einer Top-Platzierung endete. „Ich habe nicht richtig aufgepasst“, erzählt der Polizeikommissar aus der Nähe von Koblenz, der zu diesem Zeitpunkt auf Platz sieben lag. Mit Knie und Fuß des Nachziehbeins blieb der Dritte der WM 2017 am Hindernis hängen. „Ich konnte mich nicht mehr retten, sowas passiert“, so Kazmirek, der den Wettkampf dennoch fortführte und am Ende 17. wurde. Aufhören habe nie zur Debatte gestanden. „Es war wichtig, den Zehnkampf beenden und mit auf Ehrenrunde zu gehen.“ Auch wenn das Stadion zu diesem Zeitpunkt leider schon wieder ziemlich leer war.

Als Kai Kazmirek beim Start in den zweiten Wettkampftag nach seinem Hürden-Patzer aus dem Medaillenrennen ausschied, begann sie für Niklas Kaul gerade erst. Der erste Tag, der für den Mainzer mit Platz elf endete, sah wenig spektakulär aus. War er auch nicht, aber der Zehnkampf heißt nicht ohne Grund so, abgerechnet wird nach zehn und nicht nach fünf Disziplinen. Und für Kaul war die erste Halbzeit solide, grundsolide, blieb er mit 4164 Punkten doch nur 44 Zähler unter dem Halbzeitergebnis seines bis dahin besten Wettkampfes bei der U23-EM im Juli im schwedischen Gävle, wo er mit 8572 Punkten schon Gold gewonnen hatte. Der zweite Tag wurde spektakulär. Gegenüber dem Kanadier Damian Warner, der nach fünf Disziplinen geführt hatte, machte er in der zweiten Hälfte über 500 Punkte gut. „Der beste zweiten Tag, den es je gegeben hat“, so Kaul nicht ganz ohne Stolz.

Bei aller berechtigten Kritik an den Titelkämpfen in Doha – die Wettkampfbedingungen im klimatisierten Khalifa International Stadium waren hervorragend. Was nicht nur die 8691 Punkte Kauls belegen. Das ist Platz 17 in der ewigen Zehnkampf-Bestenliste, nach Jürgen Hingsen (8730) und Frank Busemann (8706) die drittbeste Leistung, die je ein deutscher Mehrkämpfer erreicht hat. Mit gerade einmal 21 Jahren. In der Jugend hat Kaul alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er wurde in der U18 ebenso Weltmeister wie in der U20. Er hält in dieser Altersklasse den Zehnkampf-Weltrekord. „Er ist schon sehr, sehr weit für sein Alter“, sagt Kai Kazmirek über den jungen Kollegen. „Er weiß ganz genau, wo er hin will, was er machen muss, technisch ist er auch sehr stabil, er ist sehr konstant.“ Und er hat nahtlos den Übergang in die Männerklasse geschafft.

Natürlich vereinfachte das Aus einigen Medaillenkandidaten den Titelgewinn, aber auch die hätten erst einmal knapp 8700 Punkte erreichen müssen. Kazmirek war seit den Hürden aus dem Rennen. Lindon Victor aus Grenada hatte sich beim Diskuswurf eine Nullnummer geleistet. Eine Disziplin, bei der auch Warner schwächelte. Victor lag zu diesem Zeitpunkt vor Kaul auf Platz vier. Der französische Weltrekordhalter Kevin Mayer, der bereits am ersten Tag einen nicht ganz gesunden Eindruck hinterließ, brach in Führung liegend beim Stabhochsprung den ersten, schon verkürzten Anlauf unter Schmerzen ab. Die Latte lag bei 4,60 Meter. Lass es, wollte man ihm schon zurufen. Aber er versuchte es noch einmal, bevor er unter Tränen einsehen musste, dass seine Achillessehne die Fortführung des Zehnkampfes nicht zuließ.

Nach 49,20 Meter mit dem Diskus war Kaul Neunter. Mit 5,00 Meter im Stabhochsprung schob er sich auf Rang sechs vor, nach 79,05 Meter mit dem Speer – so weit hat noch nie ein Athlet innerhalb eines Zehnkampfes geworfen – war er schon Dritter, nur 19 Punkte hinter dem Führenden Maicel Uibo aus Estland. Drei Bestleistungen des Mainzers, die das Blatt wendeten. „Ich war happy, das Stabhochsprung endlich wieder funktioniert hat und der Diskus so konstant war, das waren doch einfach Problemdisziplinen die letzten Jahre“, so Kaul. Auch heftige Magenprobleme, weswegen er während des Stabhochsprungs sechsmal die Anlage verließ und sich mit dem medizinischen Personal beriet, konnten ihn nicht bremsen.


Niklas Kaul mit seiner Goldmedaille.
Foto: Wolfgang Birkenstock

Nach dem Stabhochsprung zeichnete sich eine Medaille ab, da Kauls Topdisziplinen noch folgten. Nach dem Speerwurf war Gold greifbar, fast sicher. „Da ging mir durch den Kopf, die Chance bekommst du vielleicht nie wieder in deinem Leben, Weltmeister zu werden, deswegen musst du die genau jetzt nutzen. Und egal was nach dem Zieleinlauf über 1500 Meter passiert, ob die dich hier raustragen müssen oder nicht, du rennst jetzt einfach und gibst alles, was du hast“, erzählte Kaul über die Gedankenspiel vor der letzten Disziplin.

Auch die Konkurrenz kennt die Qualitäten des Mainzers. Und so versuchten Uibo und Warner, die noch knapp vor Kaul lagen, die Flucht nach vorne. Dieser schaute sich das ein paar hundert Meter an und zog dann vorbei. Das sah bis zum Ziel locker und geschmeidig aus. Raustragen musste man ihn zwar nicht, aber bis er jubeln konnte, dauerte es ein paar Minuten.

Wolfgang Birkenstock